Die Jugend revoltiert

Die Jugend revoltiert

Video : https://youtu.be/I3wEqvPTwYc


Kontext

Chronik der Schweizer Unruhen in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungswünsche, welche hauptsächlich von der Jugend initiiert wurden / werden.

Der gesellschaftliche Umbruch, der sich in den 1960er Jahren abzuzeichnen beginnt, hinterlässt auch in der Schweiz unter dem Einfluss der weltweiten Protestbewegungen Spuren. Der soziale Wandel führt zu liberaleren Anschauungen und bisher unbekannten Freiheiten, die im Widerspruch zu bestehenden Abhängigkeiten und Zwängen stehen.

Den Auftakt zu den 1960er Unruhen in Zürich bringen Konzerte, die in Krawallen mit der Stadtpolizei enden (Gastspiel der Rolling Stones am 14. April 1967, Konzert von Jimi Hendrix 31. Mai 1968). Am Wochenende des 30. und 31. Juni 1968 wird Zürich dann zum Schauplatz blutiger Strassenschlachten, als die Polizei das von Jugendlichen besetzte und als Jugendhaus eingeforderte Globus-Provisorium räumt («Globus-Krawalle»).

Bei den Jugendunruhen der 1980er Jahre bildet die Kulturpolitik den Ausgangspunkt. Mehrere hundert Jugendliche belagern am Abend des 30. Mai 1980 das Opernhaus in Zürich, um gegen einen 60 Millionen-Kredit für das Opernhaus («einseitige Kulturpolitik») und für ein Jugendzentrum zu demonstrieren. Als die Polizei auftaucht, schlägt der verbale Protest in rohe Gewalt um. Die Zürcher «Bewegung» findet Nachahmer in anderen Schweizer Städten, beispielsweise in Bern. In den folgenden Jahren wiederholen sich gewalttätige Auseinandersetzungen, etwa nach Schliessungen erster Autonomer Jugendzentren (AJZ).

Die mentalitätsmässigen und kulturellen Folgen des Aufbegehrens gegen etablierte Werte durch eine Minderheit sind beträchtlich. Die Alternativkultur ist inzwischen offiziell anerkannt und lebendig, neue Lebens- und Wohnformen sind breit akzeptiert.

Der kurze Dokumentarfilm rollt die Ereignisse, die zur Besetzung der Aula 20 des Lehrerseminars von Locarno führten, aus einer zeitlichen Distanz von 20 Jahren auf. Die Unruhen im Tessin nehmen die Ereignisse des Pariser Mais um einige Monate vorweg, sie fügen sich aber nahtlos ein in die weltweiten Jugendbewegungen dieser Zeit, die schliesslich einen historischen Bruch provozieren. Im Beitrag sind Bilddokumente von lokaler wie auch von globaler Bedeutung zu sehen, unter anderem ein Auszug aus einem Interview mit dem deutschen Philosophen Herbert Marcuse.

«««Die Jugend revoltiert
17.03.1968
Studentinnen und Studenten besetzen das Lehrerseminar!
Dauer : [02’08”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : Antenne
Resumee des italienischsprachigen Filmdokuments «Gli studenti occupano la magistrale!» mit Bildern der von den Studenten des Lehrerseminars Locarno besetzten Aula 20 und einer Zusammenfassung ihrer Motive und Forderungen.

Die Jugend revoltiert
30.12.1968
Globuskrawalle in Zürich
Dauer : [01’14”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : Tagesschau Jahresrückblick

Nach den Unruhen in Paris und Berlin kommt es Ende Juni 1968 auch in Zürich zu schweren Zusammenstössen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Die Forderung der Zürcher Jugend, das leerstehende Globus-Provisorium als autonomes Jugendzentrum zu nutzen, mündet in die Globus-Krawalle.

16.05.1972
Das Leben in der Kommune
Dauer : [09’30”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : Antenne
Auf der Suche nach neuen Wohn- und Beziehungsformen entscheiden sich eine Kindergartenlehrerin, ein Kunstgewerbeschüler und ein Forstingenieur mit 14 weiteren jungen Frauen und Männer in einer Wohngemeinschaft an der Heinrichstrasse in Zürich zu leben.

05.11.1987
Berner Reitschule und Zaffaraya
Dauer : [08’18”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : DRS aktuell

In den 1980er-Jahren wird der Ruf nach mehr alternativem Wohn- und Kulturraum in Bern lauter. Nach dem Abbruch des autonomen Jugendzentrums ZAFF im Mattenquartier folgen die Ereignisse um die Reitschule 1987 Schlag auf Schlag: Die Nationale Aktion verlangt den Abbruch des Gebäudekomplexes, was der Gemeinderat dann auch unauffällig herbeizuführen versucht. Dagegen wehren sich aber die Jugendlichen, mit denen sich eine Reihe von Institutionen und Gruppierungen am «Kulturstreik» solidarisieren. Die Forderung nach mehr Raum für eine alternative Jugendkultur bleibt bestehen.

17.11.1987
Räumung der Zaffaraya-Siedlung in Bern
Dauer : [06’56”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : DRS aktuell

Mit einem enormen Polizeiaufgebot wird das Zelt- und Hüttendorf Zaffaraya in Bern geräumt. Dabei kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Ordnungsmacht. Gret Haller scheitert in dieser Angelegenheit in mehrfacher Hinsicht: Als Berner Gemeinderätin hat sie sich gegen den Räumungsentscheid gestellt und ihre Vermittlungsversuche während einer «Gefechtspause» bringen auch keinen Erfolg.

23.11.1993
Räumung des Wohlgroth-Areals in Zürich
Dauer: [04’43”]
Kommentar: Deutsch
Produktion: SR DRS
Sendung : Rendez-vous

An einem kalten Novembermorgen taucht das Grossaufgebot von Stadt- und Kantonspolizei, begleitet von einer Spezialeinheit und einem Hubschrauber, in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs auf. Die Räumung des Wohlgroth-Areals verläuft allerdings grösstenteils friedlich, die meisten Bewohner verlassen das besetzte Gebiet vor Ablauf des Ultimatums der Polizei. Sofort nach der Räumung beginnt der Abbruch der Gebäude. Anwohner kritisieren den Einsatz als unverhältnismässig.

20.05.1998
Anti-WTO-Demo in Genf endet in Tränengaswolken
Dauer : [02’05”]
Kommentar : Französisch
Produktion: TSR
Sendung : Téléjournal

Am Ende einer friedlichen Demonstration gegen die Welthandelsorganisation (WTO) in Genf kommt es zu Krawallen und Plünderungen.

03.05.2003
Zeltlager für Globalisierungsgegner
Dauer : [03’16”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : Schweiz aktuell

Im Vorfeld des G8-Gipfels im französischen Evian treffen in einem Zeltlager bei Genf allmählich die vor allem jugendlichen Globalisierungsgegnerinnen und -gegner ein. In ungezwungener Atmosphäre bereiten sie sich auf die Demonstration vor – auf eine friedliche Demonstration, wie immer wieder betont wird.

19.01.2004
Sitzblockaden-Training
Dauer : [04’09”]
Kommentar : Deutsch
Produktion: SF
Sendung : 10vor10

Im Vorfeld geplanter Blockaden von Anti-WEF-Demonstranten werden Workshops angeboten, die das Know-how zur erfolgreichen Sitzblockade vermitteln wollen.

Zwei Tage später wenden die Workshop-Teilnehmer das Gelernte praktisch an und besetzen die Flughafen-Autobahn bei Kloten während einer Stunde.

Kontext 2

Die Chronologie
Auszug aus Tagesanzeiger vom 15.12.2014
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Die-Chronologie-der-Zuercher-Gewaltexzesse/story/16356885

1477: 1. «Saubannerzug»: Innerschweizer ziehen gegen Bern.
29. Juni 1968: Globus-Krawall.
30. Mai 1980: Opernhauskrawall. Es folgte ein heisser Sommer mit gewalttätigen Demonstrationen an jedem Wochenende. Sie münden in die Jugendunruhen, die bis 1982 dauerten. Insgesamt kam es zu rund 4000 Verhaftungen, 1000 Strafverfahren und Millionenschäden.
Anfang 1990er Jahre: 1. «Reclaim the Streets»-Demos in London gegen neue Strassenprojekte.
Mitte 1990er Jahre: Zürcher Nachdemos am 1. Mai werden gewalttätig.
1. Mai 1998: Massive Sachbeschädigungen.
1. Mai 1999: Relativ wenig Schäden.
1999: 1. «Reclaim the Streets»-Party (RTS) in Zürich.
1. Mai 2000: Das Sozialamt wird verwüstet.
27. Januar 2001: WEF-Krawalle in Zürich mit 1000 Teilnehmern, während die Zürcher Polizeikräfte den Bündnern in Davos aushelfen. Die Polizisten kommen per Helikopter zurück und verhaften 140 Personen. Es kommt zu massiven Schäden (700’000 Franken) und danach zum Streit zwischen der Stadt und dem Kanton Zürich. Die Stadt beklagt mangelnde Unterstützung durch die Kantonspolizei. Diese bestreitet dies heftig.
1. Mai 2001: Die Nachdemo wird eingekesselt. Erstmals kommt es zu den sogenannten «Secondo-Krawallen». Zudem sind im Langstrassenquartier Bürgerwehren, das Milieu und Rechtsradikale involviert. 313 Verhaftungen, 150‘000 Franken Sachschaden.
1. Februar 2002: 2. gewaltsame WEF-Demo, 300‘000 Franken Sachschaden.
1 . Mai 2002: Friedliche Nachdemo – und trotzdem Krawalle. 2000 Trittbrettfahrer verwickeln sich in Auseinandersetzungen mit der Polizei. Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) macht erneut die Secondos zum Thema. 213 Festnahmen.
1. Mai 2003: 77 Verhaftungen, der «Tages-Anzeiger» schreibt von einem «fast friedlichen 1.Mai» .
11. Oktober 2003: 1. gewalttätige RTS-Demo in Zürich. 1000 Teilnehmer ziehen von der Josefswiese über die Langstrasse in Richtung Lochergut. Auf der Kornhausbrücke knallt es erstmals, gewaltbereite Mitläufer missbrauchen die Demo für ihre Zwecke. in der Seebahnstrasse beendet die Polizei den Umzug mit Gummischrot und Tränengas. Der Sachschaden beträgt 80’000 Franken. 5 Personen werden verhaftet.
17. Oktober 2003: Friedliche RTS-Party beim Globus mit 200 Personen. Sie wollten nach den Ausschreitungen von der Vorwoche zeigen, dass es auch anders geht.
6. Januar 2004: Einen Tag nach der friedlicher Räumung von «Egocity» beim Bezirksgebäude kommt es doch noch zu Scharmützeln.
1. Mai 2004: Keine Nachdemo, aber Scharmützel: Schaden von 100’000 Franken. Stadt- und Kantonspolizei nehmen 257 Personen fest.
1. Mai 2005: Keine Nachdemo, kein Krawall, 12 Verhaftungen. Schiesserei im kurdisch-türkischen Milieu.
29. Juni 2005: «Shantytown». In der Tradition von RTS errichten 150 Aktivisten ein Barackendorf an der Sihl bei der Börse. Es bleibt friedlich, nach drei Tagen sind sie weg.
1. Mai 2006: Schwerste Krawalle. Esther Maurer spricht von «einem der allerschwersten Einsätze während meiner Amtszeit». Chaoten haben Bundespräsident Moritz Leuenberger (SP) vom Rednerpult in der Bäckeranlage vertrieben. Nur 48 Personen verhaftet.
1. September 2006: Erneut RTS in Zürich: Das Fassadendorf «Danslieue» wird beim Arboretum an der Seepromenade errichtet und nach drei Tagen abgebrochen. Es bleibt friedlich.
1. Mai 2007: 103 Verhaftungen, Sachschaden von 628’000 Franken. Der Einsatz der Stadtpolizei kostet die Stadt 855’000 Franken, dazu kommen noch die Kosten der Kantonspolizei. Nebenbei: Der BMW einer Sozialhilfebezügerin brennt, es kommt zum berühmten «BMW-Fall», Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne) gerät unter Druck.
1. Mai 2008: Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Chaoten, hauptsächlich um den Helvetiaplatz und um die Langstrasse. Die Polizei reagierte mit Gummischrot und Wasserwerfern. Ein BMW-Fahrer fährt an der Dienerstrasse einen Mann über den Haufen. 301 Verhaftete (ein Drittel aus der Stadt), aber nur geringer Sachschaden.
4. Juli 2008: Grösster RTS-Anlass: Für «Brotäktschen» wird das alte Hardturmstadion gestürmt. An diesem warmen Sommer-Wochenende vergnügen sich 6000 Menschen drei Tage lang im Stadion. Es bleibt friedlich.
1. Mai 2009: Die Krawalle waren verglichen mit früheren Ausschreitungen weniger massiv: Es gab nur geringe Sachschäden. 83 Personen wurden verhaftet.
Anfang Dezember 2009: ca. 9. RTS-Party in Zürich. 300 Personen tanzen fröhlich unter der Hardbrücke, es kommt zu keinen Beschädigungen.
6. Februar 2010: Zweite Gewaltorgie rund um einen RTS-Anlass: Zwischen 500 und 1000 Menschen treffen sich zu einer Demo mit vier Soundmobiles, doch 50 bis 100 Mitglieder des Schwarzen Blocks entern den RTS-Zug. Der Umzug endete in einem Strassenkrawall und hinterlässt Schäden in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken. Esther Maurer versprich ein besseres Alarmierungssystem. Privatmann Richard Wolff ist mit beiden Söhnen dabei.
1. Mai 2010: Einigermassen friedlich, keine Gewaltexzesse, 353 Verhaftete (ein Siebtel aus der Stadt), erstmals Wegweisungen (269).
21. Januar 2011: Scharmützel um Albisgüetli-Tagung, Autonome greifen SVP-Nationalrat Hans Fehr an. 7 Verhaftungen.
1. Mai 2011: Potenzielle Krawallanten und viele Gaffer eingekesselt: keine Gewaltexzesse, aber rekordhohe 542 Festnahmen.
10. September 2011: Bellevue-Krawall: Racheaktion für polizeiliche Auflösung einer illegalen Party unter der Duttweilerbrück am 16. Juli. Über 1000 junge Personen fordern Freiräume, nach einem SMS von RTS artet es aus: Tränengas, fliegende Bierflaschen, Scherben, acht verletzte Polizisten, 2 Verhaftungen. Sachschaden: 100’000 Franken.
16. September 2011: In der Nacht auf Samstag wird aus einer illegalen Party mit etwa 200 Teilnehmern am Helvetiaplatz eine Demo von Linksextremen, die rasch aufgelöst wird. Am Samstagnachmittag stören gut 200 Linksextreme eine christliche Anti-Abtreibungs-Kundgebung.
17. September 2011: «Nach-Krawalle» am Central: Noch grössere Ausschreitungen als am Bellevue vor Wochenfrist. Während der zweistündigen Strassenschlacht wurden Barrikaden errichtet und angezündet, Autos umgeworfen, Schäden von 200‘000 Franken verursacht – und 91 Personen verhaftet (zwei Drittel nicht aus Zürich). Die Polizei war vorbereitet. Danach stellt sie Bilder von 15 Personen ins Netz (11 werden identifiziert). FDP-Fraktionschef Roger Tognella fordert Einsatz der Armee.
24. September 2011: Die Nachrichtenagentur SDA meldet: Keine Randale in Zürich. Viele hatten eine drittes Gewaltwochenende erwartet.
2. Oktober 2011: «Schande von Zürich» im Letzigrund: Spielabbruch nach Petardenwurf.
1 .Mai 2012: Einigermassen friedlich, 57 Verhaftete, 20‘000 Ballone an der Langstrasse.
18. August 2012: «Facebook-Party» am linken Seebecken: Unbewilligte Party beim Arboretum mit 400 Jugendlichen artet in einen gewalttätigen Krawall aus, den die Stadtpolizei mit einem Grosseinsatz auflöst. Dabei wird ein Polizist verletzt, zwei junge Männer werden verhaftet.
27. Oktober 2012: 150 Linksautonome wollen vom Güterbahnhof in die Innenstadt ziehen und werfen Steine und Feuerwerkskörper – der Sabannerzug wird mit Trüänengas unterbunden, die Polizei war bereit.
2. März 2013: Dreistündige Binz-Krawalle mit 2000 Personen in den Kreisen 3 und 4 und anschliessender Razzia der Polizei im besetzten Areal. Bilanz: Bei Plünderungen (Bäckerei Buchmann an der Uetlibergstrasse, Coop am Manessehof und der Coop-Pronto-Laden an der Langstrasse) sind Waren im Wert von 75’000 Franken weggekommen. Der Gesamtschaden liegt bei 1,035 Million Franken, 217 Anzeigen sind eingegangen. Verhaftet wurde niemand.
1. Mai 2013: Recht friedlich, 51 Verhaftete. AL-Vertreter Richard Wolff seit anderthalb Wochen gewählt, die Polizeikosten betragen 1 Million; Kunstaktion Bury the Jambo, 15‘000 Papierflieger an der Langstrasse.
25. Mai 2013: Randale in Bern mit 61 Verhafteten. Auch Zürcher Autonome mischen kräftig mit («Binz bliibt»-Tags, Tranparent «Binz», 4 Zürcher Verhaftete). Berner Behörden sprechen von Krawalltourismus. In der Schweiz werden rund 500 Personen der gewaltbereiten Politszene zugeordnet – davon 200 bis 300 aus dem Kanton Zürich.
10. August 2013: An der Street-Parade werden erstmals Laserpointer gegen Polizisten eingesetzt.
21. September 2013: «Tanz Dich frei»-Demo in Winterthur: Strassenschlacht mit Verletzen auf beiden Seiten, ein Polizist verliert das Gehör in einem Ohr, eine Demonstrantin ein Auge. 35 Aktivisten werden aufgrund von Filmaufnahmen ausfindig gemacht und verzeigt.
12. Oktober 2013: Friedliche «Nachdemo» gegen Polizeieinsatz am «Tanz Dich frei»-Anlass in Winterthur.
1. Mai 2014: Friedlich, 15 Verhaftungen.
12. Dezember 2014: Plünder- und Zerstörungszug im Namen von RTS, 200 Chaoten, 1 Million Schaden, 4 Verhaftungen, 7 verletzte Polizisten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
(Erstellt: 15.12.2014, 18:31 Uhr)

Jugendunruhen

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.
Die mit J. bezeichneten Ereignisse gründen auf mehrheitlich noch unpolitischen Protestbewegungen, die sich in den 1950er Jahren ankündigten (Halbstarke, Existenzialisten) und sich ab 1965 akzentuierten und gleichzeitig politisierten. Die Revolte war eine internationale Erscheinung, die stark von der amerikanischen Studenten-, Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung beeinflusst wurde. In Frankreich (“Mai 68″), den USA, Italien, Deutschland und anderen westl. Industrieländern erreichte sie 1968 ihren Höhepunkt. Als allg. Ausdruck der Unzufriedenheit und des Aufbegehrens gegen etablierte Werte der Jugend, die sich von den alten Parteien abwandte, stellten die J. eine Modernisierungskrise zahlreicher Gesellschaften dar. Obschon die meisten polit. Forderungen der Protestierenden nicht erfüllt wurden, waren die mentalitätsmässigen und kulturellen Folgen der J. von 1968 und 1980-81 beträchtlich, etwa bezüglich der Öffnung der Lebensstile, der Geschlechterrollen und der Sexualität.
Autorin/Autor: Marco Tackenberg


1 – Die Unruhen von 1968
In der Nacht vom 29. auf den 30.6.1968 kam es in Zürich vor dem ehemaligen Globus-Gebäude zu schweren Strassenschlachten zwischen Demonstranten, die ein autonomes Jugendzentrum forderten, und der Polizei. Die Studentenbewegung richtete sich gegen die Autorität des Staates und formulierte eine radikale Kritik an der modernen Gesellschaft, ihrem Wirtschaftssystem und an traditionellen Autoritäten (Armee, Kirche, Schule, Eltern). Sie verlangte u.a. nach partizipativer Politik und nach Solidarität mit der Dritten Welt.
In der Schweiz fanden die Proteste in Zürich ihren grössten Widerhall. Aber auch in anderen Schweizer Städten kam es in der Folge von 1968 zu zahlreichen Demonstrationen und Protestaktionen. In Genf wandten sich Gruppen um das Maison des jeunes et de la culture von Saint-Gervais und um ein Gebäude in der Strasse der Prieuré, in Lausanne das Comité action cinéma gegen die traditionelle Kulturpolitik und forderten mehr finanzielle Mittel für die alternative Kultur. Im Tessin wurde das Lehrerseminar in Locarno zum Zentrum des Protests. 1975 erreichte die Mobilisierung ausserhalb der traditionellen Politikkanäle einen vorläufigen Höhepunkt.
Die 1968er Rebellion löste eine Öffnung des politischen Systems und Reformen aus. Nach 1968 engagierten sich Bürgerinnen und Bürger auch ausserhalb der politischen Linken vermehrt in sozialen Bewegungen für ihre Anliegen. In den 1970er Jahren begab sich ein Teil der Aktivisten auf den “langen Marsch” durch die Institutionen. Sie organisierten sich in Gewerkschaften sowie in Parteien der Neuen Linken wie den Progressiven Organisationen (POCH) oder der Revolutionär-Marxist. Liga. Andere suchten in Wohngemeinschaften und selbstverwalteten Kleinbetrieben alternative Lebensentwürfe zu konkretisieren. Einige wenige radikale Gruppen in der Schweiz unterstützten terrorist. Organisationen in Italien und Deutschland (Terrorismus).
Autorin/Autor: Marco Tackenberg

28.06.2008 (NZZ)
Der Globus-Krawall
wbt. Die Nacht vom 29. auf den 30. Juni 1968 wirkte in Zürich wie ein Schock: «Zum ersten Mal seit den von der Wirtschaftskrise belasteten dreissiger Jahren, in denen es zu Zusammenstössen mit Frontisten und Kommunisten kam, haben am Samstagabend

wbt. Die Nacht vom 29. auf den 30. Juni 1968 wirkte in Zürich wie ein Schock: «Zum ersten Mal seit den von der Wirtschaftskrise belasteten dreissiger Jahren, in denen es zu Zusammenstössen mit Frontisten und Kommunisten kam, haben am Samstagabend in Zürich schwere Krawalle stattgefunden. Was noch vor einem Jahr als völlig undenkbar erscheinen mochte, ist Wirklichkeit geworden: Vor den Augen einer nach Tausenden zählenden schaulustigen Menge hat sich in mehreren Phasen eine Strassenschlacht abgespielt, die sich von den Ereignissen in Berlin, Rom und Paris nicht mehr grundsätzlich, sondern nur noch nach dem Grad der Zerstörungswut unterschied.» So eröffnete die NZZ am Montag nach dem Krawall-Wochenende ihre dreiseitige Berichterstattung.
Auslöser der Ereignisse war die Forderung nach einem autonomen Jugendhaus. 1967 tauchte das zum Teil leere Globus-Provisorium als Ort dafür in der Diskussion auf. Erst im Frühsommer 1968 radikalisierte sich die hinter der Forderung stehende Bewegung. Die wichtigsten Etappen:
31. Mai: Zum zweiten Auftritt von Jimmy Hendrix erscheinen im Hallenstadion 10 000 Besucher. Dem ruppigen Polizeieinsatz am Konzert-Ende folgten Scharmützel bis in die Innenstadt.
15. Juni: Die Fortschrittlichen Arbeiter, Schüler und Studenten (FASS) organisieren einen Schauprozess gegen den «unbekannten Polizisten» vor der Hauptwache. Dann versammeln sich die Demonstranten mit Erlaubnis des Stadtrats im Globus-Provisorium. Sie wählen ein Aktionskomitee und verlangen vom Stadtrat ultimativ die Bereitstellung von Jugendräumen im Zentrum bis am 1. Juli.
22. Juni: Erstes Gespräch mit dem Stadtrat. Dessen Vorschläge lehnt das Komitee als inakzeptabel ab; schliesslich wird eine Grossdemonstration am 29. Juni angekündigt. Stadtpräsident Sigmund Widmer erklärt am Radio zwei Tage vorher, der Stadtrat werde das Globus-Provisorium vor einer illegalen Besetzung schützen lassen.
29. und 30. Juni: Auf der Bahnhofbrücke vor dem Globus-Provisorium stehen unter den Augen vieler Gaffer die heterogene Menge Jugendlicher und die vom Balkon des Du-Nord-Gebäudes aus geführte Polizei einander gegenüber. Nach 19 Uhr zeigt die Aufforderung des Stadtpolizeikommandanten, den Platz zu räumen, keine Wirkung. Darauf setzt die Polizei Wasser aus den Feuerwehrschläuchen ein, und die Demonstranten greifen zu Flaschen und Steinen. Die bis in die Morgenstunden dauernde Strassenschlacht in der Innenstadt fordert schliesslich 40 Verletzte (15 Polizisten, 7 Feuerwehrmänner und 19 Demonstranten). 169 Demonstranten werden verhaftet. Die Stadt verhängt vorübergehend ein Demonstrationsverbot, einige Demonstranten demonstrieren weiter und bereiten Klagen gegen die Polizei wegen Prügeln nach den Verhaftungen vor. Und die Öffentlichkeit macht sich an die Verarbeitung des zuvor Undenkbaren.

http://www.nzz.ch/der-globus-krawall-1.771245


2 – Die Unruhen der 1980er Jahre
Fast zeitgleich kam es im Frühjahr 1980 in Amsterdam, Zürich und Berlin zu erneuten Unruhen. Wie die Hausbesetzer in Deutschland, v.a. in Berlin, und die sog. Kraker in den Niederlanden forderten Jugendliche in der Schweiz Freiräume ausserhalb der staatl. Strukturen.
In Zürich organisierte die Aktionsgruppe Rote Fabrik am 31.5.1980 eine Demonstration gegen einen Kredit für den geplanten Umbau des Opernhauses. Der Polizeieinsatz gegen die Kundgebung löste den Opernhauskrawall aus. Die Zürcher Protestbewegung kämpfte während fast zwei Jahren, teilweise unterstützt von linken Parteien, Intellektuellen und Künstlern, für den Aufbau eines autonomen Jugendzentrums. Ihre Kritik richtete sich gegen die städt. Behörden, welche den etablierten Kulturbetrieb mit grossen öffentl. Mitteln förderten, während für die Jugendlichen nicht ausreichend Räume und Treffpunkte realisiert wurden.
Auch in Basel, Bülach, St. Gallen, Winterthur, Luzern, Zug und weiteren Städten kam es 1980 zu Auseinandersetzungen zwischen Behörden, Polizei und Demonstranten. In Bern und Lausanne (Lôzane bouge) kämpfte die Bewegung ebenfalls für autonome Jugendzentren.
Während die Protestgeneration von 1968 eine Veränderung der ganzen Gesellschaft propagierte, verweigerte sich die 1980er Bewegung weitgehend dem politischen Dialog und setzte sich damit vom theoretisch orientierten Widerstand der Studenten von 1968 ab. Ein Grossteil der bürgerlichen Politiker und der Presse wertete die jugendliche Protestbewegung als das Werk von wenigen theoretisch geschulten Anstiftern und einigen hundert irregeleiteten Mitläufern und “Chaoten” und forderte eine konsequente Durchsetzung der Rechtsordnung gegen die häufig unbewilligten Demonstrationen.
In Zürich wurde das zeitweilig zur Verfügung gestellte autonome Jugendzentrum 1981 wieder geschlossen. Die Protestbewegung, die sich auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den städtischen Behörden eingelassen hatte, zerfiel 1982 infolge der massiven Repression von Behörden, Justiz und Polizei und der eigenen Verweigerungsstrategie.
Von der 1980er Bewegung gingen zahlreiche Impulse auf Politik, Kunst und Grafik aus; sie sensibilisierte die Gesellschaft für Anliegen der Jugendlichen und förderte den Aufbau von unabhängigen Medien- und Kulturprojekten (Jugendpolitik). Eine kleinere Mobilisierung dieser Bewegung forderte in den 1980er Jahren in Bern die kulturelle Nutzung der städtischen Reitschule. 1985 wurde das Gaswerkareal mit Zelten und Hütten besetzt (Zaffaraya) und zwei Jahre später polizeilich geräumt. In Basel kam es 1988 zu Demonstrationen und zur Besetzung des Geländes der Alten Stadtgärtnerei. In Genf distanzierten sich bürgerliche Politiker zu Beginn der 1980er Jahre vom gewohnheitsmässigen Einsatz harter Polizeimethoden bei Demonstrationen wie in den Städten Bern und Zürich.

Quellen und Literatur
Literatur
– Suisse en mouvement, hg. von A. Deriaz et al., 1981
– A.-C. Menétrey La vie … vite: Lausanne bouge 1980-1981, 1982
– H. Kriesi, Die Zürcher Bewegung, 1984
– D. Gros Dissidents du quotidien: la scène alternative genevoise 1968-1987, 1987
– GKZ 3, 350-458
– H. Kriesi et al., New Social Movements in Western Europe 5, 1995
– D. Wisler, Drei Gruppen der Neuen Linken auf der Suche nach der Revolution, 1996
– A Walk on the Wild Side: Jugendszenen der Schweiz von den 30er Jahren bis heute, Ausstellungskat. Lenzburg, 1997
– M. Giugni, F. Passy, Histoires de mobilisation politique en Suisse, 1997
– 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, hg. von I. Gilcher-Holtey, 1998
– M. Stanga Abbiamo seguito la nostra coscienza e siamo stati “fuorilegge”: la contestazione studentesca del 1968 nelle scuole secondarie del canton Ticino, Liz. Freiburg, 2000
– H. Nigg, Wir wollen alles, und zwar subito!, 2001
– Bern 68, hg. von B.C. Schär et al., 2008
– Zürich 68, hg. von E. Hebeisen et al., 2008
– 1968-1978, hg. von J.M. Schaufelbuehl, 2009
Autorin/Autor: Marco Tackenberg

URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D17349.php

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Author: Federico

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